Viel Stoff für hautenge Debatten

Wenn Burkinis verboten werden sollen, dann bitte auch all die hässlichen Neoprenanzüge.
Wo kämen wir denn hin, wenn am Bodensee die Menschen in Ganzkörperanzügen baden würden oder tauchen, oder surfen… oder ganz schlimm: kleine Kinder in Ganzkörperanzügen, um sie angeblich vor Sonnenbrand und Hautkrebs zu schützen.
Vielleicht ist ja der Widerstand gegen Burkinis auch darin begründet, weil ihre Trägerinnen ostentativ ihre Religion betonen. „Wir sind was Besseres, denn wir sind Muslima, die sich an den Koran halten“ – wobei ja weder Burka noch Burkini etwas mit dem Koran zu tun haben. Zu Mohammeds Zeiten ging man nicht spaßeshalber baden.
Dann also weiter mit der Rettung des Abendlandes und der grundsätzlich überlegenen europäischen Zivilisation! Keine Missionierung für den Islam durch Burkini- Frauen an europäischen Stränden zulassen. Weiterlesen „Viel Stoff für hautenge Debatten“

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„Wir dürfen darüber nicht den Verstand verlieren“

Seit vielen Jahren äußert sich Hans-Ulrich Jörges als politischer Kommentator zu den Entwicklungen in der Bundesrepublik.
Wöchentlich erscheint im Stern seine Kolumne „Zwischenruf aus Berlin“. Die Financial Times zählte ihn zu den einflussreichsten Kommentatoren der Welt. Das Netzwerk Eschendorf freut sich, ihn für den Vortrag „Vom Flüchtlingsjahr ins Kriegsjahr gewonnen zu haben“ beim Grünkohlessen am 28. Januar im Stadtparkrestaurant
gewonnen zu haben. Im Interview für den Rheiner Anzeiger beantwortete er die Fragen von Jörg Peterkord.

Herr Jörges, Sie verzichten in Rheine auf ein Honorar zugunsten einer Spende an die Organisation „Moabit hilft“. Die Bürgerinitiative kooperiert auch mit der „Berliner Obdachlosenhilfe“. Wie wichtig ist es gerade in diesen Tagen, Initiativen der Flüchtlingshilfe mit sozialen Projekten zu vernetzen, die das soziale Klima insgesamt verbessern?

Hans-Ulrich Jörges: Es muss unbedingt vermieden werden, dass Deutschland alle Kräfte für die Flüchtlingshilfe aufbietet, andere Notleidende darüber aber in Vergessenheit geraten und benachteiligt werden. Das gilt vor allem für Ernährung und Kleidung, aber auch für Wohnen und Arbeiten. Deutschland ist, nicht nur gemessen an anderen Ländern, ungemein wohlhabend. Die Hilfe für Flüchtlinge gibt uns Gelegenheit, ja sogar den Auftrag, auch die soziale Lage anderer Bedürftiger kritisch zu prüfen. Und zu verändern.

Der bayrische Landrat Dreier hat aus Protest einen Bus mit Flüchtlingen aus Niederbayern zum Kanzleramt nach Berlin hin- und hergeschickt. Es geht um den Umgang mit Menschen. Hilft es, Menschen medienwirksam als „Verantwortungslast“ wie beim Schwarze- Peter-Spiel an Verantwortungsträger einzusetzen?

Hans-Ulrich Jörges: Ich fand es geradezu widerwärtig, wie dieser bayerische Landrat Flüchtlinge für ein höchst persönliches Spektakel missbraucht hat. Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es in unserem Grundgesetz. In diesem Fall ist sie angetastet worden, und das auch noch von einem Amtsträger. Wir wissen alle, dass Bayern kein Notstandsgebiet ist – auch, was die Situation von Flüchtlingen anbetrifft. Ich hoffe sehr, dass die Exzesse in Köln nicht den menschlichen Respekt vor Flüchtlingen
so weit ramponiert haben, dass derartiger Missbrauch um sich greift.

Wird mit solchen Symbol-Aktionen bei anderen Menschen nicht auch eine Haltung begünstigt, die diese den Bomben-, Hunger- oder Kältetod von Menschen in Not andernorts achselzuckend zur Kenntnis nehmen lässt?

Hans-Ulrich Jörges: Trotz der tiefen Spaltung unseres Landes in der Flüchtlingsfrage und trotz der Verrohung der Auseinandersetzung bleibe ich sehr zuversichtlich, dass gutmeinende und mitfühlende Menschen ihre Haltung nicht verändern, gar verlieren werden. Uns wird viel abverlangt in diesen irren Zeiten. Wir dürfen darüber nicht den Verstand verlieren. Und sollten die Würde unseres Nächsten, wie auch unsere eigene, gelassen verteidigen.

Wie würde aus Ihrer Sicht im Idealfall ein Engagement der EU aussehen, um den IS als wesentliche Fluchtursache auszulöschen?

Hans-Ulrich Jörges: Den Idealfall Europa gibt es leider nicht. Und das wird sich auch nicht rasch ändern. Aber Träumen ist ja erlaubt. Also träumen wir mal von einer idealen EU: Sie vermittelt einen Waffenstillstand in Syrien und bringt die Erzfeinde Iran und Saudi-Arabien an einen Tisch. Sie nimmt die Türkei an die Hand, damit deren Verbindungen zum IS restlos gekappt werden, insbesondere der Import von IS-Öl. Sie bildet eine multinationale Bodentruppe, um dem IS das Land zu nehmen und große Zentren wie die Millionenstadt Mossul zu befreien. Sie unternimmt einen neuen Anlauf, da die USA in dieser Hinsicht ausfallen, um bei der Bildung eines von Israel anerkannten palästinensischen Staates voranzukommen. Sie verabschiedet einen Marshall- Plan für den Wiederaufbau des Irak und Syriens, außerdem für die wirtschaftliche Stabilisierung der Türkei, Jordaniens und des Libanon – und übernimmt zur Überbrückung Flüchtlingskontingente aus diesen Ländern. Das wird später abgelöst von einem ehrgeizigen Heimkehrer-Programm für Flüchtlinge. Mit anderen Worten – und einfach ausgedrückt: Die EU übernimmt politisch, militärisch und ökonomisch Verantwortung für den Nahen Osten.

Don’t shoot the messenger

Mit diesem Bild gewann Kevin Carter den Pulitzer Prize 1994. Das Bild zeigt ein verhungerndes Kind, das scheinbar bereits von einem Aasgeier verfolgt wird. Das Kind kriecht gerade zu einem Lebensmittelcamp der UN, das ein Kilometer entfernt sein soll. Niemand weiss, was mit dem Kind geschehen ist. Der Fotograf Kevin Carter verliess den Ort, nachdem er das Photo aufgenommen hatte. Später vertraute er Freunden an, dass er wünschte eingegriffen zu haben. Journalisten wurde zu dieser Zeit geraten, keine Opfer der Hungersnot aus Furcht vor Krankheiten zu berühren. Drei Monate später und nur Wochen später, nachdem ihm der Pulitzer Preis verliehen worden war, nahm sich Kevin Carter das Leben.

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Eigenleistung lohnt nicht

Hartz-IV-Kinder bei Ferienjobs benachteiligt / Caritas: Junge Menschen verlieren die Motivation zu arbeiten

Mit Ferienjobs auf dem Bau verdienen viele Schüler Geld, um sich ihre Wünsche zu erfüllen. Für Schüler, deren Eltern Hartz IV erhalten, bleibt es bei den Wünschen. Ihr Einkommen wird ab 101. Euro zu 80 Prozent auf die Hilfsleistung angerechnet.
Beraten, fördern, vermitteln und demotivieren – für Kinder aus Bedarfsgemeinschaften, die mit einem Ferienjob eigenes Geld verdienen möchten, gilt insbesondere Letzteres. Schüler aus einem Hartz-IV-Haushalt gehen ab dem101.Euro im Monat fast leer aus für ihre Leistung. Denn ihr Einkommen wird mit den Einkünften der Eltern verrechnet.

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Konzentration statt Stress

Der kleine Koffer von Boxtrainer Dietmar Trieb hat es in sich. Einmal unter Strom gesetzt, gibt das Gerät im Koffer für alle Boxschüler den gleichen Rhythmus vor. Ungefähr alle zwei Minuten knarzt ein schriller Ton durch die Halle. Der Taktgeber in der Sporthalle an der Lindenstraße ist ein erbarmungsloser Gleichmacher . Laufen, Liegestützen, Schattenboxen – alle zwei Minuten eine kurze Pause. Während die gut Trainierten in der Halle gerade einmal die ersten Schweißtropfen von der Stirn wischen, sind andere schon schwer getroffen – nicht vom Gegner, sondern von der Rache ihres inneren Schweinehunds. Einmal herausgefordert, beißt das Biest giftig zu und sorgt für ein munteres Farbenspiel.
Das Rot im Gesicht spielt bei einigen mit Sauerstoff unterversorgten schon langsam ins Purpurne, als endlich das erlösende Signal zum Ende der Übungseinheit ertönt. „Letztlich kann jeder für sich entscheiden, ob er alle Einheiten auch mitmacht oder zwischendurch eine Pause einlegt“, versichert Boxtrainer Trieb. Doch wer will sich diese Blöße schon geben. Wer im Ring wachsen will, lernt Schmerz und seine Grenzen kennen und erfährt viel über seine wahre Größe. Dieses Prinzip prägt schon das Aufwärmtraining beim Boxen. Und bei Dietmar Trieb haben die Neuen erst einmal viel Gelegenheiten sich kennen zu lernen. „Die müssen mindestens ein halbes Jahr konsequent trainieren, bevor die das erste Mal in den Sparring steigen“, erklärt Trieb. In dieser Zeit ist den meisten Scheinriesen und selbst ernannten Champions unter den Straßenkämpfern schon die Luft ausgegangen. „Die kommen dreimal und dann nie wieder“, so der Boxtrainer. Auch an diesem Abend melden sich zwei Jungs, die einfach mal so schauen wollen. Andre Dik – seit sieben Jahren beim ETuS Rheine aktiv – begleitet die beiden in die Kabine. „Und bleib’ dabei, man weiß ja nie“, gibt ihm der Trainer noch mit auf den Weg. Andre zuckt mit seinen breiten Schultern und die beiden Heißsporne folgen brav.
„Hier kommen immer wieder Jungs mit falschen Vorstellungen vorbei“, erzählt Andre später. Doch wer seine Aggressionen nicht im Griff hat und nicht bereit ist zu lernen,fliegt raus. Der 19 Jahre alte Abiturient ist in Russland aufgewachsen. Er hat schon viele kommen und gehen sehen.
In den Ring steigt der angehende Medizinstudent schon lange nicht mehr. „Manche haben es einfach drauf und ich eben nicht“, erzählt er fast beiläufig. Als ihm das klar geworden war, habe er sich darauf konzentriert, seinen Kopf einzusetzen. Boxen betreibt er seither als Fitnessport. „Ich bin auch mal eine Zeit lang in einer Muckibude gewesen, aber da steht halt keiner dahinter.“ Vielleicht spiele bei den Jugendlichen, die in Russland geboren oder aufgewachsen sind, auch eine gewisse Nostalgie eine Rolle. „Viele kennen den Boxsport noch von der Schule. Das ging dort ja vielfach richtig militärisch zu.“
Auch die Ansagen Dietmar Triebs lassen kaum was an militärischer Klarheit vermissen. Auch wenn der 56-Jährige immer wieder mit einzelnen Sportlern intensiv arbeitet, gilt ein Teil seiner Aufmerksamkeit immer auch den Rest des Geschehens. „Es muss schon klar sein, wer hier in der Halle Chef im Ring ist.“
Wer vorher am wehrlosen Ledersack seinen Aggressionen freuen Lauf lassen konnte, muss mitunterauch mal wieder eingefangen werden.„Spätestens im Sparring merkt der dann, dass er mit seiner Wut nicht weiterkommt“, weiß Trieb. Der Sparring ist ein Übungskampf, nicht um herauszufinden, wer den anderen KO schlagen kann. Sparring wird, abgesehen von der Wettkampfvorbereitung, mit halber Härte ausgeführt. Hier sollen Ringerfahrung gesammelt werden, Techniken in der Anwendung erprobt werden und Fehler aufgedeckt werden. Blaue Augen und blutige Nasen sind nicht Ziel des Sparrings. Dies gilt vor allen Dingen für Runden zwischen Fortgeschrittenen und Anfängern. Wer als Fortgeschrittener einen Anfänger im Sparring KO schlägt, gilt als armer Profilneurotiker, aber niemals als guter Boxer.
Spannungen zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft – ob sie jetzt aus Russland, Kasachstan, dem Kosovo oder irgendeinem afrikanischen Land stammen – sind noch nie ein Thema gewesen. „In jedem Land gibt es solche oder solche Sportler. Früher hatten wir viele Türken, heute haben wir viele Russen, aber das hat noch nie Stress in der Halle gegeben.“ pet-