„Wofür soll ich mich schämen?“

Der Mann, der laut Spiegel sein Leben verzockt hat, wirkt ziemlich lebensfroh. „Ich habe schon einmal Probleme mit der Kommastellung auf meinem Kontoauszug, aber ansonsten geht´s mir ganz gut“, erzählt Klaus F. Schmidt. Nicht ohne Selbstironie führt er auf seiner Visitenkarten den Titel „Multimillionär a. D.“. Aus dem Nichts stieg Klaus Schmidt zum Erfolgs-Unternehmer auf. Dann verlor er im Kasino die Kontrolle – und all sein Geld, insgesamt über fünf Millionen Euro.
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Krise als Reifeprüfung

„Allahs Intendant“ Michael Schindhelm berichtet in seinem Buch „Dubai Speed“ über einen atemberaubenden Dialog zwischen Orient und Okzident. Vor der Lesung im Kloster Bentlage stand er Jörg Peterkord vom Rheiner Anzeiger für einige Interviewfragen zur Verfügung.

JP: Sie sollten die Kultur des Abendlandes an den Persischen Golf holen: Ihr Buch „Dubai Speed“ erzählt die Geschichte geplatzter Träume im Wüstensand. Sie träumen dennoch weiter vom modernen Babylon am Golf. Was gibt Ihnen gegenwärtig Hoffnung?

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Alte Wunde tief aufgerissen

Rheine. Ende gut, alles gut? Auf dem Höhepunkt des Bebens stellte das Domradio des Erzbistums Köln vorsorglich schon einmal das Ende als Frage in Aussicht. Auch in Rheine sind in dieser Woche die Erschütterungen in der katholischen Kirche angekommen: Nach heftiger Kritik aus Politik und Kirche hat der Vatikan schließlich den britischen Bischof Richard Williamson dazu aufgerufen, seine umstrittenen Holocaust-Äußerungen zu widerrufen. Die Aufhebung der Exkommunikation der Piusbruderschaft hatte zuvor zu der Schlagzeile geführt: „Papst rehabilitiert Holocaust-Leugner“.

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Vollgas reicht nicht

Europa-Gewerkschafter Peter Scherrer im Interview

Mit Vollgas aus der Krise: Die Verschrottungsprämie für Altfahrzeuge entpuppt sich als wahrer Renner, und der niedrige Benzinpreis lässt hoffen, dass man sich doch noch was leisten kann. Ist die Konjunktur jetzt wichtiger als das Klima? Peter Scherrer,Generalsekretär des europäischen Metallgewerkschaftbundes (EMB), im Gespräch mit Jörg Peterkord zu den umweltpolitischen Notwendigkeiten in der Industriepolitik.

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Ungeahnt aktuelle Erinnerungen

 Lebensgeschichte in der Landesgeschichte: Werner Butzlaff veröffentlicht „Unvergessene Heimat – Erinnerungen“

Von Jörg Peterkord

Rheine. Wie auch immer man die Geschichte einer deutschen Vertreibungen erzählen will, der historische Zugriff endet stets bei der eigenen, der deutschen Nase. Das sieht der in Pommern geborene Werner Butzlaff aus Rheine nicht anders. Mit der Veröffentlichung seiner Lebenserinnerungen will er nicht allein seine durch Flucht und Vertreibung erzwungenen Lebenswege beschreiben, sondern auch zeigen, wie ein totalitäres Regime junge Menschen mit seiner Ideologie vernebelte und in seinen sinnlosen Krieg trieb: „Ich möchte meinen Beitrag leisten, um die heutige Generation davor zu bewahren.“

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Magische Werkstattmomente

Zum Münsterlandfestival pART3 trafen sich im September 2007 Graphikkünstler aus sieben Staaten Europas und Nordafrika zu einem Druckworkshop im Kloster Bentlage. Sie arbeiteten und lebten gemeinsam und erlebten den Zauber der Begegnung unterschiedlicher künstlerischer Positionen. Weiterlesen „Magische Werkstattmomente“

Muff Potter & päpstliche Punks

Mein Gott! So viel Erfolg ruiniert das Image. Da können die Jungs auf dem Plattencover noch so muffig gucken. Ausverkauft?! Beim Plattengiganten Universal unter Vertrag!?
Getragen von der Begeisterung der Massen bei Rock am Ring!! Die reine Lehre hört sich für den Punk-Gott anders an. Und der führte Muff Potter aus Rheine doch einst ins Bühnenlicht der Wahrheit, die verdammt noch einmal bestimmt nicht mehrheitsfähig herausgebrüllt werden muss. Hält die Verpackung noch, was sie verspricht oder ist die Szene schlicht und ergreifend zu sentimental, um gewisse Entwicklungen nachzuvollziehen?

Dabei begann es mit Muff Potter doch so klassisch. Mitte der 90er, ein paar Jungs und eine gewisse Unzufriedenheit mit ihrem Leben in Rheine. „Irgendwann mit Anfang Zwanzig registriert man, dass ehemalige Mitschüler Häuser in den Gärten ihrer Eltern bauen, Kinder und Gesellenbriefe kriegen und solche Sachen. Das fanden wir schlimm. Echt. Das konnte nicht alles sein“, erzählt Schlagzeuger Brami. Drei  Bundeswehrgeschwader, keine Uni und das kulturelle Nichts für Jugendliche, die mit drei Akkorden und jeder Menge Dezibel ihre Weltsicht verkünden wollen. „Das gibt so eine gewisse Art von Stimmung vor“, erzählte Nagel unlängst in einem Interview. Ein relativ aggressives Klima habe Muff Potter auch so ein bisschen prollig gemacht. Krieg, Faschismus, Ungerechtigkeit. Dinge, über die sie sich aufregten, wurden abgearbeitet. Aber irgendwann ist man halt damit durch. Aus Punkrock wurde Angry Pop – so bezeichnen Muff Potter selbst ihren Sound. Geblieben ist die Wut. „Das ist so´n  Grundgefühl bei uns.“ Und dieses Gefühl wird immer wieder diszipliniert vorgetragen. Die Band gilt ohne Zweifel als eine der fleißigsten Bands der Republik: Sie kennen nun wirklich jedes Jugendzentrum von innen. Obzwar inzwischen mit einem Plattenvertrag ausgestattet, sind sie immer noch eifrige Verfechter der guten alten MESSWDG-Maxime (Mach es selbst, sonst wirst du gemacht).

Über 400 Konzerte. Touren und eine Splitsingle mit Hot Water Music. Auf einmal kommt eine Supporteinladung von den Ärzten. Der Bandname steht auf den Postern größerer Festivals, auf denen man begeistert aufgenommen wird. Ein szeneinterner Geheimtipp, seit ihrem Debutalbum werden Muff Potter in Fanzines und Mailorderkatalogen als Referenz für andere Bands herangezogen. All dieses, ohne dass jemals eine andere Plattenfirma als das eigene Label „Huck’s Plattenkiste“ die unterstützenden Finger im Spiel hatte. „Huck’s Plattenkiste“ ist „aus Gründen“ ganz dem alten Do-It- Yourself-Gedanken verpflichtet.

„Das hat sich jetzt ein wenig geändert. Aber nicht grundlegend“, lässt das Management verlauten. Auch wenn sicher die üblichen Ausverkaufs- und Buh-Rufe die Runde machen werden, gelte es zu bedenken, dass hier eine fertig produzierte Platte Nachfrage geweckt hat und man nach zwölf Jahren genug Erfahrung besitzt, zu sagen, ob und zu welchen
Konditionen man mitspielt. Die Band hat sich schließlich entschieden, „Universal“ für die CD und für das Vinyl Mailorder und Plattenladen „Green Hell“ aus Münster als Partner ins Boot zu holen. Die Platte erscheint dort ohne Einschränkungen genau so, wie sie die Potters herausgebracht hätten, würden sie es alleine machen.

Gut, so viel Neid in der Szene muss man sich erst einmal erarbeiten. Muff Potter ist ein Landstreicher aus den Abenteuern von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, der unschuldig des Mordes angeklagt wird. Seine Band nach ihm zu nennen, bedeutet wohl die Solidarisierung mit den Ausgegrenzten, Songtitel bei Bukowski zu borgen ebenfalls. Die Band aus Rheine wurde mit ihrer Randständigen-Poesie und einem melodischen, aber zugleich herzlich rauen Punk-Stil bekannt.
Neben Bands wie „But Alive“ haben sich Muff Potter zum Aushängeschild einer Szene entwickelt, die Gitarrenmusik mit deutschsprachigem Intellekt verbindet, aber weitaus  tiefer im Punk steckt und „nicht so meganervig nach studentischer Klugscheißerei müffelt“, wie in einschlägigen Magazinen kolportiert wird.

Auszubrechen und Käfige hinter sich zu lassen, die persönliche Befreiung aus einer engen miefigen Kleinstadt – das sind wichtige Motive in den Songs der Potters. Wer weiß, dass die Potters aus Rheine kommen, hört da auch Rheine rein. „Wegen unseres Backgrounds beziehen wir uns dabei logischerweise auf Rheine“, erklärt Schlagzeuger Brami im Gespräch mit mittendrin. Doch der Stadtname wird in keinem der Texte genannt. Das ermöglicht den Hörern, den Song auf ihre eigene Lebenssituation zu beziehen. „Während unserer Zeit in Rheine war es schon immer das Größte für uns, von dort wegzufahren und auf Tour zu gehen“, so Brami. Es geht also nicht darum, über eine Stadt herzuziehen, sondern um die Beschreibung des Gefühl des Ausbruchs.
Enge produziert nicht nur die Kleinstadt, sondern auch die „päpstliche“ Punkszene als Gegenentwurf.
„Mitte der 90er gab es in der Punkszene teilweise mehr Regeln und ungeschriebene Gesetze und Tabus als im Vatikan“, erinnert sich Brami. Der letzte Schrei waren seinerzeit vegane Doc Martens-Stiefel. Wer die trug, war quasi automatisch ein guter Mensch. „Dort ständig Ärger zu bekommen, war im Grunde genommen unvermeidbar.“ Bei allem milden Spott wissen Muff Potter aber, was sie der Punkszene zu verdanken haben. „Diese Szene mit ihrer Infrastruktur hat uns als kleine Punkband, die niemand kannte, ermöglicht, drei Wochen auf Tour zu fahren. Das war eigentlich immer das, was wir daran liebten diese Band zu haben.“ Und Rheine? „Eigentlich sollten wir dankbar sein, hier aufgewachsen zu sein und nicht in einer Großstadt, wo man alles, was mit Kulturkram zu tun hat, fertig vor die Nase gesetzt bekommt“, sieht Brami die Dinge heute. Jahrelang haben seine Bandkollegen Nagel und Wiesmann Konzert im HNH organisiert und waren bei der Auswahl der Bands nicht gerade Urdemokraten. „Versteht sich von selbst, dass die beiden nur Bands eingeladen haben, die ihre persönliche Geschmackskontrolle erfolgreich passiert haben“, räumt ihr Schlagzeuger heute ein.
Gelernt haben sie aber, dass Durchsetzungskraft und Einfallsreichtum Tugenden sind, die man sich antrainieren kann. Beste Voraussetzung also, um sich als erfolgreiche Band immer wieder neu zu erfinden?  Für Muff Potter schon. Wer nicht ständig etwas Neues ausprobiert, dreht sich im Kreis und irgendwann ist die Luft raus. „Gelernt haben wir daraus, dass es nicht wichtig ist, auf welchen Schlips man gerade tritt, sondern, dass es darauf ankommt, von dem, was man gerade zu tut, überzeugt, zu sein.“
Irgendwer beschwert sich nämlich immer: die Eltern, die Punkpolizei oder eben der ein oder andere Lokalpatriot.

Der Ring war gut zu den Potters und macht Lust auf mehr Konzerte im Sommer. Aber vorher verziehen sich die Jungs aus Rheine in ein Häuschen im Grünen. Grill, Fußball und Feuerwehrauto-Quartett sind eingepackt. Und wenn die das spielen, gucken die gar nicht mehr muffig. -pet