Selbst unter Christdemokraten geraten sie ins Schwärmen. Voll des Lobes äußerten sie sich hinter vorgehaltener Hand über Robert Habeck, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kieler Landtag. Obwohl die Grünen ganz gut damit gefahren sind, sich programmatisch zurückzuhalten, fordert der bereits als Kandidat für den Bundesvorsitz der Partei gehandelte Habeck mehr Risikobereitschaft. Die zeigt er selber zur Genüge. Er war sich durchaus bewusst, dass er für sein linkes Plädoyer „Patriotismus“ Schelte beziehen wird. Nicht zuletzt aus den eigenen Reihen.

JP: „Materiell hatten wir nichts, ideell dafür alles“, so beschrieb jüngst der Ur-Grüne Lukas Beckmann die Anfänge der Grünen im Jahr 1979. Gegenwärtig dürfte Ihre Partei Probleme haben, alle Posten zu besetzen, sollten sich die Umfrage-Ergebnisse als Wahlergebnisse bestätigen. Wie groß sehen Sie gegenwärtig die Gefahr, dass die materiellen Erfolgsaussichten wieder den ideellen Anspruch auflösen?

Robert Habeck: Der ideelle Anspruch ist ungebrochen. Ich sehe auch nicht, dass das Hoch der Grünen durch programmatische Abstriche erkauft worden wäre. Eher ist es so, dass die Gesellschaft auf die Grünen zuwächst. Aber wenn die Grünen die Umfragen so wie sie sind in Wahlergebnissen einfahren, dann hat jeder in der Partei ein Amt oder Mandat. Wir sind annähernd so stark wie die SPD und haben ein Zehntel der Mitglieder. Auch ist unsere ganze Parteistruktur auf ein Sich-Kennen und kurze Kommunikationswege ausgerichtet. Wenn jetzt ein Kreisverband dreimal so viele Mitglieder hat wie vor einem Jahr, dann stellt dass das Ehrenamt vor große Herausforderungen. Insofern ist es noch immer so wie Lukas sagt: der materielle Unterbau ist viel zu schwach.

JP: Sie schreiben in Ihrem Buch „Patriotismus – ein linkes Plädoyer“ , dass die handelnden Personen unter Rot-Grün in Berlin in ihren schnieken Dreiteilern aussahen wie zur lebenslänglichen Konfirmation verurteilte Kandidaten, die das Altbürgerliche mit einer anbiedernden Rebellenattitüde kaschierten. Was muss sich außer dem Dresscode ändern, wenn Linksliberale ihre Vorstellungen nicht mehr gegen, sondern mit dem Staat durchsetzen, obwohl sie gegenüber dem Staat ansonsten ein lässig-gleichgültiges Verhältnis pflegen?
Robert Habeck: Das einzusehen und zuzugeben wäre schon eine erste massive Änderung. Um dann jedoch innerhalb der staatlichen Rahmen freiheitliche Politik zu formulieren, muss man neue Beteiligungsmöglichkeiten ersinnen, man müsste Politik stärker als Anreizsystem aufbauen und schließlich die Kommunikation ändern: Gemeinsinn oder Gesellschaft dürfen keine Fremdwörter mehr sein.

JP: Und jetzt sollen sich die Grünen also als linke Patrioten und Vaterlands-Versteher zur neuen Volkspartei entwickeln?
Robert Habeck: Alles drei nicht. Volkspartei ist insofern ein falscher Begriff, als er meint, dass Konsens vor Konzept geht. Das Moderne an den Grünen ist jedoch, dass sie Konzeptpartei sind und als diese auch kantig. Weichgespülte Grüne braucht die Republik nicht. Und Vaterland – ein moderner Patriotismus braucht noch nicht mal Deutschland, hält aber die Idee des Einsatzes für eine Gesellschaft hoch. Dafür braucht er einen Bezugsrahmen, der muss jedoch nicht der Nationalstaat sein.

JP: „Unter den gegebenen Parteien sind die Grünen die beste aller denkbaren Alternativen“, plakatierten B90/Die Grünen in Schleswig-Holstein im Landtagswahlkampf 2004. Als sie das lasen, waren die Plakate schon gedruckt und sie überlegten ernsthaft den Job als Landesvorsitzender zu schmeißen. So unerträglich haben Sie den „Zynismus und Relativismus“ empfunden. Warum haben sie weitergemacht?
Robert Habeck: Heute klingt es selbst wiederum zynisch: Vermutlich, weil die Wahl verloren wurde und die Grünen aus der Regierung ausgeschieden sind. Danach wurden sie zu der Partei, die ich mit 18 Jahren gründen wollte und die ich jetzt mit neu aufstellen konnte.

JP: Sie waren 2004 erst seit zwei Jahren Parteimitglied. Waren Sie möglicherweise deswegen empfindsamer für die Wahrnehmung solcher Widersprüche?
Robert Habeck: Klar, wenn man neu in bestehende Strukturen kommt, ist man kritischer. Aber ich würde das nicht als Leistung sehen. Es ist doch so, dass die, die ein Leben auf eine politische Machtoption hingearbeitet haben, fast notgedrungen zufriedener mit der eigenen Bilanz sein müssen – das ist eine Frage der politischen Daseinsberechtigung. Deswegen wären Vorwürfe völlig falsch.

JP: Als Nachfolger Reinhard Bütikofers waren Sie für den Bundesvorsitz der Grünen im Gespräch. Sie lehnten jedoch ab und führten Ihr gewähltes Familienmodell als Grund an. Gab es auch Parteifreunde, die es nicht verstanden haben, eine derartige Karrierechance verstreichen zu lassen?
Robert Habeck: Nicht offiziell und direkt. Und mir war auch nicht klar, dass ich etwas besonders Ungewöhnliches gesagt hätte. Ich hab einfach ehrlich auf eine Frage geantwortet und gut. Erst die Reaktion der Medien zeigte mir, dass das überraschend war.

JP: Was ist für Sie wichtiger? Vier Kinder gut gelaunt ins Bett zu bringen, eine halbe Seite Prosa zu verfassen oder mit einem Buch für die Grünen wichtige Impulse zu geben, Inhalt und Sprache zu entwickeln, die den hohen Umfrageerwartungen und gesellschaftlichen Erwartungen auch genügt?
Robert Habeck: Wenn ich nur eines wählen darf, dann die Kinder. Allerdings sind sie jetzt schon so alt, dass sie sich meist selbst ins Bett bringen und ich nur noch die Leselampe ausknipsen muss und einen Kuss geben. Aber es gilt: Wenn ich merke, dass mir mein derzeitiger Job die Familie kaputt macht, dann gebe ich ihn morgen auf.

Das Interview führte Jörg Peterkord (JP)

veröffentlicht am 24. November 2010

Robert Habeck im Interview


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