Zum Münsterlandfestival pART3 trafen sich im September 2007 Graphikkünstler aus sieben Staaten Europas und Nordafrika zu einem Druckworkshop im Kloster Bentlage. Sie arbeiteten und lebten gemeinsam und erlebten den Zauber der Begegnung unterschiedlicher künstlerischer Positionen.

Hatem Gharbi arbeitet gerade an seinem christlich-islamisch Haus, während Hassen Zaouali aus der Holzplatte geometrische, arabische Schriftzeichen des Münsterlandfestivals pART 3 herausarbeitet. Drei Meter neben ihm fachsimpeln Javier Alba Mansoa und Mustapha Nedjai, wie sie dem Lithographiestein die gewünschte Wirkung entlocken können. „Das ist immer ein magischer Moment, wenn dann schließlich gedruckt wird“, wird der Spanier Mansoa später erzählen. Der Zauber der Begegnung unterschiedlicher künstlerischer Positionen ist schon vorher in der Bentlager Druckwerkstatt spürbar. Im Rahmen des Münsterlandfestivals pArt3 – westliches Mittelmeer präsentieren sich in Rheine und Ibbenbüren, gleich drei Grafikkünstler, die zu den führenden Vertretern der Druckkunst in ihren Heimatländern gehören.

Foto:PeterkordIn Rheine-Bentlage präsentieren Alexandra Barbosa, eine aufstrebende junge Künstlerin aus Vila do Conde (Nordportugal) und zur Zeit Doktorandin an der Universität in Valencia, sowie einer der ganz Großen der portugiesischen Kunstszene, David de Almeida, ihre Werke.
Alexandra Barbosa zeigt einen umfangreichen Querschnitt ihrer Arbeiten, die sich in besonderen Weisen dem Thema Haus widmen. Ihre komplizierten Holzschnitte überzeugen in ihrer hervorragenden Technik und ästhetischen Qualität auch internationale Fachleute, sodass sie mehrfach mit renommierten Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde. Ihr Gegenstand ist immer wieder die Architektur: An– und Einsichten von Häusern mit unbekannten inneren Strukturen, mit aufeinandergestapelten kubisch-kontainerhaften Elementen, flächig zugeordneten und strukturierten Konstruktionen von Fassadenteilen und „ungeklärte“ Raumsituationen stehen im Fokus ihrer künstlerischen Auseinandersetzungen. Sie präsentiert undefinierbare und verunsichernde Raumwelten, die durch ihre luzide und opake Durchsichtigkeit sehr eigentümliche Strukturen und tiefen Wirkungen erzielen. Dazu verwendet sie auch Nadel und Faden. Im Druck entsteht eine unterbrochene Linie, die in einer Stadtsilhouette den Umriss eines Hauses andeutet. „Das bin ich“, zeigt die 26 Jahre alte Portugiesin auf den gedruckten Umriss eines Gebäudes in dem metaphorischen Städtchen. Das Ich ist ein Raum, gewünscht und geborgen und grundgelegt in allen Menschen. Alexandra Barbosas Ich hat im Bild noch keine durchgängige Kontur. „Da ist noch Platz für Entwicklung“.
Künstlerische Entwicklung setzt die Möglichkeit voraus, Sichtweisen in Frage stellen und Fragen an Künstler anderer Kulturen stellen zu können. „Das ist in der Tat ein wundervolles Privileg, das heute viel zu wenige genießen können, nämlich den Dialog zwischen Europa und dem Norden Afrikas, der uns so nahe liegt“, erklärt Martin Rehkopp. Zeitgenössische Kunst ist in den Maghrebstaaten vielmehr als im Westen einer Minderheit vorbehalten. Wohl auch, weil die Regime Sichtweisen oftmals nicht in Frage stellen lassen wollen. Umso wichtiger ist den Teilnehmern an dem Druckworkshop der vorbehaltlose Dialog über ihre Arbeits- und Denkweisen. „Alle Gespräche drehen sich hier über Kunst und alle Fragen, die damit zusammenhängen“, erzählt der international sehr hochangesehene Algerier Mustapha Nedjai. In Ibbenbüren, im Kulturspeicher Dörenthe, zeigt er seine tief beeindruckenden Werke. Nedjai, der auch als Bühnenbildner und Drehbuchautor international bekannt wurde, konfrontiert die Besucher mit Werken, die bequeme Gleichgültigkeit erschüttern und  Vorurteile überwinden helfen. Er steht seit Beginn seiner großen Karriere in einer aufklärerischen Tradition, die den Wahnsinn, die Untaten und die Paradoxien menschlichen Handelns aufzeigen und bloßstellen.
Manchmal sind es auch kleine Notizen, die den Blick für das Unbekannte öffnen. Eine faszinierende Fülle kleiner Geometrien und fließender Linie füllen einen kleinen Zettel. Inmitten dieses Meers aus Dekors treten lateinische und arabische Schriftzeichen hervor. Hatem Gharbi hat den kleinen Zettel auf einer Zugfahrt bearbeitet. Das sei auch eine Art von Meditation für ihn, erklärt der 52 Jahre alte Tunesier. Auch Betrachter, die den Begriff „horror vakui“ (die Angst vor der Leere) nicht kennen, begreifen schnell, was es mit dieser Tradition islamischer Kunst auf sich hat. Das innere Bedürfnis, die zu gestaltende Fläche völlig und ausnahmslos zu füllen, ist beim Anblick des Papierfetzens fast schon physisch spürbar. Die Kaligraphie und das Bildhafte stehen im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung Hatem Gharbis. Er druckt weniger mit klassischen Druckfarben und klassischer Technik als vielmehr mit Ausrissen aus Modejournalen oder Zeitungen, die er als Musterbücher nutzt. Er kehrt gewissermaßen ein allen Kulturen tragendes Verhältnis um, indem er das Werk eines Drucker oder Setzers für seinen künstlerischen Ausdruck nutzt.
Voller Verweise architektonischer Destruktionen, technischer Versatzstücke und natürlicher Elemente stecken die Arbeiten Xavier Albar Mansoas. Durch Workshops in den Galeriewerkstätten von Brita Prinz entdeckte der Spanier den Holzschnitt für sich, den er mit anderen Techniken wie der Lithographie kombiniert. Seine Arbeiten sind im KunstVerein Münsterland e.V. in Coesfeld zu sehen.
Weitere Ausstellungen dieser Projektreihe mit den Werken von Moisés Yagües (Spanien) in der Burg Vischering in Lüdinghausen, David de Almeida (Portugal) im Kunstverein Ahlen sowie von Hatem Gharbi und Hassem Zaouali (beide Tunesien) im Kunsthaus Bocholt runden das gesamte Ausstellungsprojekt ab.
Bis zum 24. September 2007 hatten alle beteiligten Künstler an dem Druckworkshop in Bentlage teilgenommen, der von der Druckvereinigung Bentlage mitorganisiert wurde. Das heißt, sie lebten und arbeiteten vor Ort und treten in vielfacher Hinsicht, geografisch, philosophisch, ästhetisch, religiös und politisch in einen europäisch – nordafrikanischen Dialog ein. Die gedruckten Arbeitsergebnisse des Workshops werden später präsentiert. Die Ausstellung der sieben Künstler in sechs Städten wird durch einen Katalog begleitet, der, wie das Gesamtprojekt, durch den Ministerpräsidenten des Landes NRW, sowie das Kultursekretariat NRW Gütersloh sehr nachhaltig finanziell unterstützt wird.

-Jörg Peterkord

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