Beinahe-Bundespräsident bewegt

Joachim Gauck ist Gast der Europa-Brücke in Rheine / Lesung am 2. Februar

Rheine.  Bewegt und bewegend liest Joachim Gauck aus seiner Autobiografie. Der Beinahe-Bundespräsident, ehemalige Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen und DDR-Freiheitskämpfer versteht es wie kaum ein Zweiter, mit seinen Schilderungen des Lebens in einem totalitären Regime die Menschen emotional zu berühren. Am 2. Februar um 20 Uhr ist er ab 20 Uhr Gast der Europa-Brücke in Rheine in der Ignatz- Bubis-Aula im Josef- Winkler- Zentrum.
Dass sich die Zugriffszahlen auf den Wikipedia-Artikel zu Joachim Gauck in den vergangenen Tagen verdreifacht haben, dürfte wohl auch im Zusammenhang mit dem Wirbel um den Bundespräsidenten Christian Wulff stehen, gegen den Gauck bei der jüngsten Bundespräsidentenwahl unterlegen war.
Nicht nur für das Regierungsbündnis war die Bundespräsidentenwahl am 30. Juni 2010 kein guter Tag. Die Tatsache, dass erst 44, dann 29 Stimmen aus dem eigenen Lager fehlten, hat nicht allein mit der Begeisterung einiger Unions- und FDP-Wahlmänner und –frauen für Joachim Gauck zu tun. Da zeigte sich auch große Unzufriedenheit. Dass SPD und Grüne nicht ohne die Hilfe der Linken ihren Kandidaten Gauck durchsetzen konnten, markierte ein anderes Dilemma. Mit diesem Tag wurde die Chance verpasst, ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln, das nicht allein die Regierungskoalition sondern die Politik als solche braucht. Dem Menschen Joachin Gauck spricht bis auf seine Gegner aus dem Umfeld der einstigen Nomenklatura der DDR-Diktatur kaum einer diese Fähigkeit ab, als Persönlichkeit dieses so dringend benötigte Gemeinschaftsgefühl entwickeln zu helfen. Als besonderer Beleg dieser Glaubwürdigkeit wird auch Gaucks aufrichtige Gratulation an Christian Wulff gewertet: „Jetzt sind sie auch mein Präsident“. Gauck zeichnet eben sein Respekt vor demokratischen Gepflogenheiten und Institutionen aus.
Mehr als 100 Mal hat der Beinahe-Bundespräsident inzwischen aus seiner Biographie gelesen, doch noch immer kommen ihm die lange vergrabenen Gefühle nahe, ist er selbst tief bewegt. „Das ist schon sagenhaft“, sagte er jüngst in einem Dorf , wo er aus seiner Autobiografie vor 300 Zuhörern vorlas. Auch dort wurde die sonore Bassstimme des großen Mannes für Momente brüchig, als er von Schicksalsschlägen, Angst und der grotesken Willkür des Systems erzählte und davon, wie er drei seiner vier Kinder in den Westen ziehen lassen musste.
Nachdenklich legen viele Zuhörer die Stirn in Falten, wenn Gauck über die Kostbarkeit der Freiheit spricht, deren Wert man fast vergisst, wenn man wie selbstverständlich an sie gewöhnt ist.
Der Eintritt zu der Lesung am 2. Februar beträgt fünf Euro. Jörg Peterkord

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